Der Austernfischer – Wattenmeervogel, Halligstorch und Seevogel

Der Austernfischer – Wattenmeervogel,  Halligstorch und Seevogel

Wildtier des Jahres, Baum des Jahres, Blume des Jahres, Insekt des Jahres, Schmetterling des Jahres oder  Fisch des Jahres  – es gibt wohl über 30 verschiedene „Jahreswesen“, die von unterschiedlichen Organisationen, Vereinen  und Gesellschaften aus den diversen Gründen in jedem Jahr „gekürt“ werden.

Für das Jahr 2014 hatte der „Verein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur e. V.“ mit Sitz in Ahrensburg den Titel „Seevogel des Jahres“  an den etwa krähen- bzw. taubengroßen Küstenvogel, den  Austernfischer, verliehen.

Jeder Besucher der Wattenmeerküste wird den Austernfischer schon einmal gesehen haben und ganz sicher wird er bei einer Vogelbeobachtung diesen auch gehört haben:

Durch sein schwarz-weißes Gefieder, seinen roten Schnabel, die roten Augen sowie die roten Beine und roten Füße ist er unter anderen Seevögeln unverkennbar, wobei ihm insbesondere der rote lange Schnabel und die roten Beine hier an den Küsten auch den Beinamen „Halligstorch“  eingebracht haben.

Außerdem sind  Austernfischer sehr ruffreudige Vögel. Das laute und schrille „quiéwiehp“ ist der für sie typische Kontaktruf. Oft kann man Austernfischer-Familien beobachten, die hoch fliegen und sich dabei auf diese Weise sehr laut und unüberhörbar  „unterhalten“.

Die Brutplätze der Austernfischer werden gerne zwischen den Steinen und auf Muschelbänken gewählt, befinden sich auch in flache Mulden  im Dünensand, ausgelegt mit Muschelschalen und kleinen Steinen oder auf Inselwiesen.  Aber selbst auf Flachdächern am Rad der Städte sind  inzwischen Gelege  nachgewiesen worden.

 

Das Brutgeschäft, bei dem sich beide Elternteile abwechseln, findet im Zeitraum von Mai bis Juli statt. Die drei bis vier sandfarbene Eier mit dunklen Flecken werden in etwa 26 Tagen ausgebrütet. Während der Brutzeit sind Austernfischer sehr wachsam – bei Störungen, egal ob durch Menschen oder Tiere,  wird das Nest verlassen und die Aufmerksamkeit durch das laute und markante Rufen auf sich gelenkt und das in einer sicheren Entfernung vom eigenen Nest.

Interessant ist es auch zu beobachten wie die Austernfischer sich verhaten,  wenn sich Vogel-Nachbarn oder revierlose  Artgenossen  zu sehr den Grenzen des Brutreviers nähern. Dabei gehen einer oder beide Brutvögel dem eindringenden Vogel mit gesenkten und leicht geöffneten Schnäbeln entgegen, wobei sie in hohen  lärmenden, schrillen Tönen trillern und pfeifen und dabei  ein auf- und abschwellendes Trillern erzeugen und insgesamt  sehr erregt wirken. Selbst  durch Hacken mit dem Schnabel  werden Nest  und Revier verteidigt.

Die Küken der Austernfischer sind Nestflüchtern, die, sobald sie geschlüpft sind und das  Gefieder getrocknet ist, zusammen mit ihren Eltern das Nest verlassen. Die Jungen werden von den Altvögeln noch etwa 6 Wochen mit Nahrung, wie  Muscheln, Schnecken, Wattwürmern, Insekten und im Landesinneren überwiegend mit  Regenwürmern und Schnecken versorgt. Hier erweist sich übrigens der Name „Austernfischer“ als irreführend, da er gar nicht fischt, er stochert nach seiner Nahrung  und Austern sind  – wo sie denn vorkommen – eine wenig geeignete, weil zu hartschalige Nahrung.  Allerdings muss diese Aussage inzwischen wohl  relativiert werden, denn eine Untersuchung am Dorumer Nacken nahe der ostfriesischen Insel Baltrum hat gezeigt, dass die Vögel inzwischen wohl  gelernt haben, die raue Schale von jungen Pazifischen Austern zu öffnen. Übrigens sind Austernfischer  bei ihrer Nahrungssuche  sowohl  tag- als auch nachtaktiv  – je nachdem wann Ebbe ist.

Rückgang der Brutpaare im Lebensraum Wattenmeer

Der Austernfischer ist wohl einer der charakteristischsten Vögel der gesamten Nordseeküste. Seine größte Verbreitung in Europa hat er im Wattenmeer und dem küstennahen Binnenland der Nordsee. Heute ist das Wattenmeer von Esbjerg in Dänemark bis Den Helder in Holland mit rund 500.000 überwinternden Austernfischern und 40.000 Brutpaaren der mit Abstand bedeutendste Lebensraum dieses Watvogels.

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen wird insbesondere durch die Wahl zum „Seevogel des Jahres 2014“ darauf aufmerksam gemacht, dass sich im schleswig-holsteinischen Wattenmeer  die Zahl der Brutpaare innerhalb von 15 bis 20 Jahren auf rund 10.000 Paare halbiert hat. Insgesamt  brüten im Wattgebiet von Borkum bis Sylt sowie im küstennahen  Binnenland noch über 25.000 Paare. Aber auch  europaweit  nahmen die Bestände von rund einer Million auf etwa 800.000 ab.

Die Gründe für den Rückgang der Vogelpopulation sind dabei recht vielschichtig. Insbesondere  deutet vieles darauf hin, dass eine der Hauptnahrungsquelle der Vögel, das sind Herz- und Miesmuscheln, nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht. So führt eine übermäßige Muschelfischerei zu Hungersnöten und zu einem teilweisen Massensterben der Austernfischer.

Zum anderen ziehen Austernfischer an der Festlandküste weniger  Jungvögel  groß. Vor allem durch Raubsäuger wie den Fuchs oder den Marderhund werden  hier viele Gelege geplündert. Und auch verwilderte und wildernde Katzen räumen die Nester der Bodenbrüter aus.

Aber auch der Mensch hat an dieser Negativ-Entwicklung seinen Anteil: Bereits kleine Störungen durch Wassersportler wie Kitesurfer oder Stehpaddler, aber auch durch Fußgänger und freilaufende Hunde haben gravierende Auswirkungen auf das Verhalten der Vögel. Denn diese werden immer wieder aufgescheucht und beruhigen sich nur langsam.

Kitesurfer werden z.B. bis zu 100 km/h schnell, wodurch sie  großräumig die Vogelarten des Watts aufscheuchen.

Der Austernfischer als Nationalvogel der Färöer-Inseln

Eine besondere Würdigung erfährt der Austernfischer auf den Färöer-Inseln: In jedem Jahr am 12. März, wenn der Austernfischer, der hier Tjaldur  [tschaldur]  genannt wird, von Süden zu seinen hiesigen Brutgebieten zurückkehrt, wird die Grækarismessa (der Gregorstag) als Beginn des Frühlings gefeiert. Dieser Tag ist auf den Inseln ein gesetzlicher Flaggtag. Der Austernfischer ist hier der Nationalvogel.

Ein färöischer Kinderglaube besagt, dass wenn man den ersten Tjaldur erblickt, und dieser auf einen zufliegt, das Jahr persönliches Pech bringt. Erblickt man den ersten Tjaldur hingegen, wie er an einem vorbeifliegt, dann bringt das Jahr Glück.

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