Buddelschiffe

Buddelschiffe

Maritime Kleinkunstwerke in der Flasche

Zugegeben, die Überschrift ist gewagt, denn nicht jeder sieht in den verschiedenen Miniatur-Schiffchen in mehr oder weniger kleinen bis großen, in runden als auch in eckigen Klarglasflaschen oder sogar in Glühbirnen ein Kunstwerk. Manche sehen hier einfach nur eine Dekoration oder schlimmstenfalls nur einen Staubfänger.

 

Dabei ist die Herstellung von Buddelschiffen (Buddel – niederdeutsch für Flasche) neben dem Erfordernis einer filigranen Fingerfertigkeit eine künstlerische Richtung, die einst für die Darstellung von menschlichen Modellen und himmlischen Figuren in Flaschen bereits in der Zeit um 1750 in den Klöstern entstand. Auch in Deutschland ist die Kunst, Dinge oder Szenen in eine Flasche zu bringen, nahezu 300 Jahre alt. So gab es im Allgäu und im Erzgebirge bereits damals die sogenannten Eingerichte, auch Geduldsflaschen genannt, in die Krippen- und Passionsszenen, Christus, Maria und andere Heilige in Flaschen eingebaut wurden.

Speziell aus den vom Bergbau geprägten Regionen im Erzgebirge, im Vogtland, im Harz sowie im Slowakischen Erzgebirge stammen Flaschen mit bergbaulichen Motiven und im Erzgebirge sind zudem die weihnachtlichen Flaschenpyramiden bekannt. Mit dieser Beschäftigung füllte man die langen Winterabende aus und verdiente sich ein paar Groschen hinzu.

Erfinder des Buddelschiffes – ein Seemann aus dem Erzgebirge ?

Dass der weitläufig bekannte Seemannsgruß „Ahoi“ wahrscheinlich einen Ursprung im Tschechischen hat, ist wohl relativ unstrittig, aber ob der Erfinder des Buddelschiffes nun wirklich ein handwerklich geschickter Sachseaus dem Erzgebirge war, der zur Seefuhr, ist geschichtlich nicht belegt. Tatsache hingegen ist, dass erst um 1850 Schiffsmodelle in Flaschen „abgefüllt“ wurden, als die großen Segelschiffe, die Klipper, die Ozeane von den HafenstädtenEuropas nach Amerika, Asien, Afrika und Australien befuhren, um von dort u.a. Tee, Wolle, Salpeter und Früchte zurückzubringen oder als die Walfänger zur Jagd auf die Meeresriesen bis an Rand des Eises in der Arktis segelten.

Auf den langen Seereisen passierten die Segelschiffe Schönwetterzonen, in denen sie größtenteils gute Fahrt machten, relativ ruhig in der See lagen und deshalb Segelmanöver seltener erforderlich waren. Oder man befand sich oft tage- und manchmal sogar wochenlang in den Kalmen, den Zonen, in denen Windstille die Schiffe in der Flaute festsetzte.
In diesen Zeiten der Langeweile für die Seeleute bot sich die Herstellung maritimer Dekorationsartikel aus verfügbaren Materialien an: So waren Holz, Farben, verschiedene Garne und Tauwerk und auf den Walfängern zusätzlich Zähne und Knochen vom Wal vorhanden.

Aus all‘ diesen Gegenständen ließen sich viele Utensilien herstellen, mit denen der Seemann seine Arbeit und sein Schiff dekorativ darstellen konnte. So entstanden u.a. kunstvolle Knotentafeln, farbige Seemannskisten, getriebene Messingteller mit Schiffsdarstellungen, in Holz gearbeitete Halbschiffsmodelle, geschnitzte und verzierte Walzähneund –eben Buddelschiffe.

Handwerkliches Geschick und besseres Glas

Das Datum für den Bau des ersten Buddelschiffes in einer Flasche ist nicht bekannt; aber es war letztlich ganz viel Fingerspitzengefühl, ein gutes Auge und ganz viel Geduld erforderlich, um nach der Fertigung des Schiffes außerhalb der Flasche die Masten in der Flasche aufzurichten und die Segel zu entfalten. Diese Herausforderung war gepaart mit vielen Stunden einer wirklich kniffligen Handarbeit. Man möge sich dazu vorstellen, dass Matrosen auf damaligen Segelschiffen durch die Tätigkeiten an Deck, durch das Setzen der Segel, durch die Arbeit in den Wanten und am Ankerspill, also bei körperlich schweren Verrichtungen und dem ständigen Einfluss von Wind, Wetter und Salzwasser nicht eben schmale „Händchen“ hatten.

Dazu kam, dass es erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Glasflaschen aus halbautomatischer oder einer fast industriellen Fertigung gab, womit diese klarer, weniger verzerrt und frei von Blasen und schwere Nähte waren. Außerdem verringerten sich damit die Produktionskosten für Glasflaschen – sie wurden sozusagen eine bezahlbare Massenware.
Heute werden geringfügige Verzerrungen im Glas, weiche Farbtöne und das antike Aussehen von mundgeblasenen Flaschen teilweise schon wieder als ein besonderer Vorteil angesehen.

Buddelschiffbau nach einer über 100jährigen Tradition

Die heute von den Buddelschiffbauern angewandte Technik geht auf eine über 100 Jahre alte Tradition zurück. Dabei sind die Menschen in ihren Bastelkellern – ihrer „Buddelschiffwerft“ – in den wenigsten Fällen noch Seeleute, sondern einfach handwerklich sehr begabte Leute, die sich für Schiffe, Schifffahrt und den Modellbau begeistern.
Neben der Anfertigung des Modells beschäftigen sie sich mit der Geschichte „ihres“ Schiffes, mit Besonderheiten im Aufbau anhand von Fotos bzw. Plänen, um möglichst ein weitestgehend detailgetreues Schiff in die Flasche zu bringen.

Während in der Zeit der großen Segelschiffe insbesondere das Schiff, auf dem der Seemann fuhr, als Vorlage für ein Buddelschiff diente, sind heute wohl alle Schiffstypen als Modell für ein Buddelschiff anzutreffen: Ob Schoner mit zwei bis sieben Masten, die Brigantine, die Brigg, die Bark oder ein Vollschiff, ob historischer Dampfer, Passagierschiff oder Containerschiff, ob Hafenschlepper oder Seenotrettungskreuzer – die Auswahl ist riesengroß!

Dabei ist die Technik der Herstellung eines Buddelschiffs immer gleich: Das Schiff wird außerhalb der Flasche fertig gebaut, bei Segelschiffen jeweils erfolgt die Ausrüstung mit klappbaren Masten und beweglichen Spieren. Der Schiffsrumpf wird aus einem Block aus Kiefernholz geschnitzt; bei Fracht- und Passagierschiffen werden das Vorschiff und die Aufbauten aufgeklebt. Dann wird das Schiff in Teile zerschnitten, die durch die Flaschenöffnung passen und im Flascheninneren wieder zusammengeklebt. Mit dieser Technik lassen sich auch Modelle mit erheblich größeren Rümpfen als dem Halsdurchmesser bauen. Die Kunst besteht hierbei darin, das Modell so zu zerschneiden und in der Flasche wieder zusammen zu kleben, dass diese „Zerstörung“ nicht mehr sichtbar ist.

Bei Segelschiffsmodellen wird die Takelage so an Rumpf und Masten befestigt bzw. an entsprechenden Stellen durch dafür vorgesehene Löcher in Masten, Spieren und Rumpf geführt, dass die Masten nach hinten umgelegt werden können. Mittels einer Spezialzange wird das Schiff mit dem Heck voraus und mit den am Rumpf anliegenden Masten und Spieren durch den Flaschenhals in die Flasche gebracht. Dort erfolgt die Fixierung auf einer vorgefertigte und eingefärbten Masse, die das Meer darstellen soll und die meistens aus Kitt besteht. Die Masten des Modells werden mittels Fäden,die eine solche Länge haben, dass sie noch aus der Flasche herausragen, wieder aufgerichtet, die Fäden an den Löchern im Schiffsmodell festgeklebt und mit einem Spezialwerkzeug am Schiffsmodell abgetrennt und die Flasche wird letztlich verschlossen. Bei vielen Modellen wird zusätzlich ein Hintergrund montiert, der markante Küsten- oder Hafenbauwerke darstellen kann, aber auch z.B. eine Steilküste, eine Mole mit Leuchtturm, Windmühlen am Deich oder einfach eine Fotokopie mit einem Bild des echten Schiffes.

Buddelschiffe – Präsent und Ausstellungsstücke in maritimen Museen

Die qualitativ sehr hochwertigen Buddelschiffe eignen sich hervorragend als ein persönliches Geschenk. Ausgestattet mit einer individuellen Gravur auf einem Schild aus echtem Messing und einer Flagge hebt es sich als Präsent von der Masse ab. Sogar mit einem Firmenlogo versehen ist es ideal als Werbegeschenk, das auf jeden Fall in Erinnerung bleibt und im Büro, im Empfangsraum einer Firma oder auf dem Sideboard im Wohnzimmer einen Blickfang darstellt.

Aber auch in Museen mit einer maritimen Ausrichtung sind heute Buddelschiffe zu finden, die Zeugnis ablegen von der Geschichte der Seefahrt, die mit den Modellen aus der vorchristlichen Zeit bis hin zum modernen Atom-U-Boot reicht.
Und vielleicht findet manch einer Buddelschiffe nun doch nicht nur als Staubfänger, sondern als Ergebnis einer mühevollen und detailgetreuen Handarbeit, die mit Liebe und Sorgfalt ausgeführt wurde.

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