Geisternetze – Die reale Bedrohung auf dem Meeresgrund

Geisternetze – Die reale Bedrohung auf dem Meeresgrund

Als sich Ende des vergangenen Jahres  die Gewinnerin der zweiten Staffel der TV-Castingshow „Germany’s Next Topmodel“,  Barbara Meier,  pressewirksam mit ihren prächtigen roten Haaren im farbigen Taucheranzug im Hafen von Sassnitz  auf Rügen mit den geborgenen Netzresten nach einem Tauchgang fotografieren ließ, war das keinesfalls für sie eine PR-Aktion, sondern hatte einen sehr ernsten Hintergrund:

Mit ihrem Tauchgang wollte sie, die sich für die Umweltschutzorganisation WWF engagiert, auf ein Problem aufmerksam machen, dessen Konsequenzen nicht für jedermann sofort sichtbar sind – Netzte auf dem Meeresgrund, Geisternetze.

Dabei sind Geister ja normalerweise unsichtbar und verrichten ihre „übernatürlichen Fähigkeiten“, ihren Spuk,  als  gute oder böse  Geister oft außerhalb unserer  Vorstellungskraft.

So ist der Begriff „Geisternetze“  als  eine von der Meeresoberfläche zunächst  nicht  wahrnehmbare  Erscheinung  für eine  tatsächliche Gefahr  sicher nicht allzu weit hergeholt.

Denn  „Geisternetze“ sind weder ein Phänomen noch eine Spukerscheinung aus dem Volksglauben – sie sind ein wirklich reale Gefahr.

 

Fischernetze, die selbstständig fischen

Nun ist die Aussage von den selbstständig fischenden Netzten nicht ganz korrekt, denn die Fischerei wird letztlich ja durch Menschen betrieben, so u.a.  als Schleppnetzfischerei, als Fischerei mi Ringwaden, mit Stellnetzen oder mit Treibnetzen und in Reusen. Dazu kommen verschiedene Fangmethoden mit Angeln (Langleinen) usw.

Bestanden Fangnetzte für die Fischerei jedoch früher aus natürlichen

Materialen wie Baumwolle, Hanf oder Jute,  hat die Industrie in den vergangenen Jahrzehnten der Fischerei Netz und Netzmaterialien zur Verfügung gestellt, die aus synthetischen wie Materialien wie Nylon, Polyethylen und Polypropylen bestehen. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt dem stetig wachsenden Bedarf an Fisch für die Welternährung geschuldet, der in den 1950er Jahren zum Beginn der industriellen Fischerei führte.  Mehr Fisch anzulanden erforderte mehr und größere Fangschiffe, die ihrerseits größere Netzte aus hochwertigen und haltbaren Materialien einsetzen konnten und mussten.

Deren Vorteil besteht nun wieder darin, dass sie sich nicht wie natürliche Materialien im Laufe der Zeit zersetzen und eine enorme Haltbarkeit und eine große Reißfestigkeit aufweisen. Und genau das ist auch das  Problem bei diesen Materialien – synthetische Fasern sind gegenüber dem Abbau im Wasser so gut wie vollkommen resistent.

Nun ist ein Netz aus synthetischen Fasern, gleich für welchen Verwendungszweck oder in welcher Größe von sich aus natürlich keine Gefahr für die Umwelt und für die Meeresfauna.

Netze werden dann zu Geisternetzen, wenn sie von den Fangschiffen abreißen und nicht mehr geborgen werden können oder als nicht mehr zu reparierende Netze absichtlich im Meer entsorgt werden.

 

Verlorene Netze sind eine Bedrohung für die Lebensräume im Meer

Man sollte sich allerdings die Erklärung des Phänomens „Geisternetze“ nicht zu einfach machen. Kein Kapitän eines Fischereischiffes wird absichtlich sein wertvollstes Arbeitsmittel, das, je nach Größe, zudem noch einen immens hohen Anschaffungswert besitzt, im Meer versenken!  Aber nach Havarien und in Notsituationen, wenn z.B. die Schleppleinen bei Sturm in die Schraube kommt und eine Bedrohung der Schiffssicherheit darstellt, muss manchmal das Netz aufgegeben werden. Ebenso problematisch ist es, wenn es wegen eines zu stark strukturierten und felsigen Meeresbodens oder bei einem Netzhänger an einem Wrack  zu einem Netzverlust kommt, der Fischer spricht dann oft von einem „Hacker“ – das Netz samt Fang kann nicht mehr an Bord geholt werden. Auch Stellnetze können infolge plötzlich aufkommender Stürme und starker Meeresströmungen von ihren Verankerungen getrennt werden und treiben unkontrolliert im Meer, oft unsichtbar unterhalb der Wasseroberfläche.

Und natürlich würde auch kein Fischer seine eigenen Fanggründe bewusst und absichtlich „vermüllen“,  denn z.B. auch ein treibendes Stellnetz  kann nach bis zu drei Monaten noch etwa 20 Prozent der Fischmenge fangen, die beim aktiven Einsatz möglich wäre.

Die Gefahr, die von diesen herrenlosen Netzen ausgeht, kann man gut und gerne mit einer Verszeile aus der Ballade  „Trutz, Blanke Hans“  des deutschen Lyrikers Detlev von Liliencron von 1882/1883 beschreiben:

„Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.“

Diese Geisternetze, die bei ihren Verlust auf hoher See ja noch unterschiedliche Mengen an gefangenem Fisch enthalten, können, ob nun verloren oder illegal entsorgt,  unter Wasser jahrelang ohne jegliche Kontrolle weiterfischen und so zur Todesfalle für Meeressäuger wie Wale, Delfine oder Meeresschildkröten, für Seevögel und Fische werden.

Die weitestgehend aus Kunststoff hergestellten Netze brauchen bis zu 600 Jahren, bis sie im Meer abgebaut werden, wobei sie sich nur sehr langsam in winzig kleine Plastikteile auflösen – in sogenanntes Mikroplastik. Aber auch Mikroplastikpartikel  verschmutzen die Ozeane noch über lange Zeit und die damit verbunden Giftstoffe wie z. B. Weichmacher gelangen in die Nahrungskette und zuletzt auch auf

unseren Teller, weil die Fische die winzigen Kunststoffteilchen mit Nahrung verwechseln und diese fressen.

Dabei kann das wahre Ausmaß der Probleme mit Geisternetzen nicht

immer quantifiziert werden, da in verschiedenen Ländern der Verlust von Fangausrüstungen nie erfasst wird und sich die jetzt selbstständig fischenden Netze weit unterhalb der Tauchtiefen befinden und auch die Ökosysteme am Meeresboden zerstören, wenn sie sich wie Leichentuch darüber legen.

Und die Menge der  weltweit geschätzten Plastikabfälle im Meer hat ohnehin schon dramatische Größen erreicht: Forscher  gehen derzeit davon aus, dass in den Weltmeeren bereits etwa 150 Millionen Tonnen Plastik schwimmen und dazu bis  zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll jährlich hinzukommen, wovon nach Schätzungen der FAO rund 640.000  Tonnen auch aus Geisternetzen der Fischerei bestehen.

Aber auch die Verursacher  dieses Problems, die Fischerei selbst, haben inzwischen mit dem schwimmenden Plastik-Abfall zu kämpfen und beklagen daraus resultierende Kosten:  So verliert z.B. die schottische Fischereiindustrie jährlich zwischen 15 und 17 Millionen Dollar (11 bis 12 Millionen Euro) oder fünf Prozent ihrer Einkünfte durch den Zeitverlust, der durch die Reinigung der Netze entsteht, die mit Plastikabfällen so verstopft  sind und sich in diesem Zustand nicht mehr zum Fischen eignen. Im Jahr 2008 mussten in britischen und norwegischen Gewässern fast 300 Boote aus Seenot gerettet werden, weil Abfälle die Schiffsschrauben blockiert hatten, heißt es im Jahrbuch der UNEP, des Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

Gefahr erkannt, doch leider lange noch nicht gebannt

Auf den Begriff für die „Geisterfischerei“ bzw. „Ghost Fishing“ als Bezeichnung  „für verlorene oder aufgegebene Fanggeräte, die weiterhin selbstständig und umweltschädigend Fische fangen“ wurde die Welt erstmals im April 1985 auf der 16. Tagung des Fischereiausschusses der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen,  aufmerksam gemacht. Damit wurde erstmalig eine weltweite Definition im Ergebnis von Untersuchungen und Überprüfungen der Umweltauswirkungen von Meeresverschmutzungen durch verlorene Fanggeräte gefunden.

Insbesondere unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Literatur hierzu wurden Geisternetze als schädlich für die Umwelt und die Fischbestände allgemein anerkannt. Bei Verlust oder Aufgabe kommerzieller Fanggerät werden diese weiterhin über Monate,  über Jahre, vielleicht sogar auf unbestimmte Zeit fischen.

Durch die im gestiegenen Maße global durchgeführte  Fischerei stellt sich das Problem der „Geisternetze“ eben auch als ein globales Problem dar, mit dem der Mensch in die Umwelt eingreift. Für dieses Eingreifen muss der Mensch auch entsprechende Verantwortung übernehmen.

So werden von der FAO entsprechende Maßnahmen vorgeschlagen, die folgendermaßen umrissen werden können:

  • Schaffung finanzielle Anreize, um die Fischer zu ermutigen, die verlorene Fischerausrüstung zu melden oder alte und kaputte Ausrüstungen sowie Geisternetze. die sie während des Fischens wiederfinden, zurück zum Hafen zu bringen.
  • Nutzung von Ortungstechnik, um Bodenbeschaffenheiten besser zu erkennen und in Karten zu dokumentieren und gleichzeitig z.B. mit GPS Stellen zu suchen, an denen Ausrüstung verloren wurde.
  • Verbesserung der Wettervorhersagen und Prognosen für bestimmte Seegebiete, damit Fischer keine Netze ausbringen, wenn sehr schlechtes Wetter bevorsteht.
  • Verwendung von Materialien, die als biologisch abbaubare Fluchtklappen in die Netze mit eingebaut werden, um die Gefahren für die marinen Lebewesen zu mindern, weil sich dann das Netzt zum Teil zersetzt, wenn es zu lang unter Wasser bleibt. Das reduziert zwar nicht die Anzahl an marinen Abfällen, reduziert

aber die Gefahr für die Lebewesen.

  • In allen Fischereihäfen sollte die richtige Entsorgung von alten und kaputten Ausrüstungen vereinfacht werden. Laut dem FAO-Report haben die meisten Häfen derzeit noch nicht die geeigneten Einrichtungen dafür. Entsprechende Abfallbehälter aufzustellen und Schiffe mit großen und starken Abfallsäcken für alte Fischereiausrüstung auszustatten kann ebenfalls Abhilfe bringen.
  • Eine  Schlüsselempfehlung  ist, dass Schiffe den Verlust von    Ausrüstung  verpflichtend ins Logbuch eintragen. Das Ziel dabei    ist, das Bewusstsein grundsätzlich  zu  sensibilisieren  und  für  die  vorhandenen  Gefahren  zu  stärken, sowie  für  die  Möglichkeit  einer  späteren Bergung  der  Ausrüstung zu sorgen.

Die Probleme sind auch vor unserer  Haustür – und auch Lösungsmöglichkeiten

Aber diese Ansätze müssen umgesetzt werden und hier ist in den Anrainerstaaten der Meere und Ozeane die Politik besonders gefragt und gefordert.

Während die Europäische Union in ihrer „Durchführungsverordnung (EU) Nr.  404/2011  der   Kommission vom 8. April  2011mit  Durchführungsbestimmungen  zu  der  Verordnung  (EG)  Nr.  1224/2009  des  Rates  zur  Einführung  einer  gemeinschaftlichen  Kontrollregelung  zur  Sicherstellung  der  Einhaltung  der  Vorschriften  der gemeinsamen  Fischereipolitik“ die Darlegung der genauen Angaben zum Verlust von Fanggeräten nach Position, Datum, Uhrzeit und Anzahl der verlorenen Fanggeräten festlegt, scheint die Umsetzung auf nationaler Ebene noch nicht die erforderliche Priorität zu genießen: Weder die zuständige Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Deutschland noch die übrigen EU-Länder haben diese Verordnung tatsächlich nach Geist und Buchstaben umsetzen.

So wurde eine „Kleine Anfrage“ mehrerer Bundestagsabgeordneter sowie der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit vom 2. Juni 2016 u.a. wie folgt beantwortet:

 

  1. Wie oft wurde den Behörden nach Regelung der Verordnung

(EG)  Nr. 1224/2009 bereits verlor gegangenes Fischereigerät gemeldet

(bitte seit Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verordnung auflisten)?

Antwort: Meldungen  über  verloren  gegangene  Fanggeräte  sind  bei  der  zuständigen  Bundesbehörde seit Inkrafttreten der Kontrollverordnung am 1. Januar 2010 nur vereinzelt eingegangen. Das gleiche gilt auch für die Küstenbundesländer.

  1. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Anzahl der abgegebenen Geisternetze in Häfen, und wird dafür eine bundesweite Statistik geführt, und wenn ja, welche, und mit welchen Inhalten?

Antwort: Die Bundesregierung hat keine Kenntnisse über die Anzahl der in Häfen abgegebenen Geisternetze.

  1. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die verloren gegangenen Netze nach dem Verursacherprinzip zuordnen zu können?

Antwort: Aufgrund der bestehenden Vorschriften zur  Kennzeichnung von Fanggeräten sieht die Bundesregierung derzeit keine Notwendigkeit für weitergehende Maßnahmen zur Identifizierung von verloren gegangenem Fanggerät.

 

Sowohl die Fischer und als auch Fischereibetriebe, die Netze verlieren oder entsorgen, sollten für diese Art der Umweltverschmutzung auch zur Verantwortung gezogen werden. So kann z.B. pro verlorenem Netz eine Gebühr prozentual zum Anschaffungspreis eines neu gekauften Netzes erhoben  werden, die mit Angabe der Position des Netzverlustes an eine Firma oder Umweltschutzorganisationen wie die WWF gezahlt wird, die sich dann dafür ausschließlich um die Bergung solcher Netze kümmern. Denn der Einsatz von Tauchern hierfür ist zwar sehr gezielt möglich, allerdings aber auch sehr kosten- und zeitintensiv. Laut Greenpeace landen allein in den europäischen Meeren jährlich rund 25.000 abgerissene oder absichtlich im Meer entsorgte Fischernetze, was rund 1.250 Kilometer Netze ausmacht – eine beindruckende Länge, die in etwa der Luftlinie von Hamburg nach Rom entspricht.

Projektmodell Ostsee

Die Nutzung des Meeres ist eine globale Angelegenheit und die Reinhaltung und der Schutz des Meeres kann auch nur in einer internationalen Zusammenarbeit wirkungsvoll und effektiv  geleistet werden. So sollen zukünftig aus der Ostsee, in der man von jährlich rund verlorenen 10.000 Netzen bzw. Netzteilen aus der Fischerei ausgeht, durch die Umweltverbände aus Schweden, Estland, Finnland, Deutschland und Polen und den Fischern der jeweiligen Länder gemeinsam in dem Projekt „MareLitt Baltic“ sogenannte Geisternetze beseitigt werden. Dabei soll u.a. untersucht werden, wie umweltverträglich der Einsatz einer ca. 200 Kilogramm schweren und ein Meter breiten Egge ist, die über den Meeresboden gezogen wird und mit der im Nachbarland Polen gute Erfahrungen gemacht wurden, als dort bereits im Jahr 2014 rund 270 Tonnen Netze geborgen wurden. Dazu und zur möglichen Schädigung von Lebensräumen unter Wasser sollen bereits in diesem Frühjahr erste Ergebnisse vorliegen.

Auch vor der Küste Rügens kam bereits eine spezielle Unterwasser-Harke zum Auflesen verlorener Netze zum Einsatz und der erste Test verlief vielversprechend – ein hiermit geborgenes Netzbündel wog rund 1,5 Tonnen.

Außerdem arbeitet man in Polen an der Erstellung einer Karte mit Hotspots, in denen sich besonders viele Geisternetze befinden. Die schwedischen Projektpartner untersuchen parallel dazu, wie Netze durch Signalgeber markiert werden können, um sie bei Verlust schneller zu finden. Außerdem wird an Materialien geforscht, die sich früher als das bislang überwiegend bei Netzen genutzte Nylon oder PET im Wasser abbauen und die Umwelt nicht so stark belasten.

Wie diese Projekterfahrungen in der Nordsee umgesetzt werden können, bleibt abzuwarten. Als einen Schwerpunkt in der Nordsee sieht Greenpeace z.B. das etwa 5000 Quadratkilometer groß Sylter Außenriff, das von Riffen durchzogen ist. Hier wurden in mehreren Tauchgängen drei Schiffwracks überwiegend von Netzen befreit. Allerdings sind oftmals die möglichen Tauchzeiten viel zu kurz, um die Netze von den Hindernissen zu lösen. Wenn man dazu weiß, dass sich alleine in der deutschen Nordsee rund 1000 Wracks befinden, kann man sich den Umfang der für die dort verlorenen Netze erforderlichen Bergungsarbeiten leicht vorstellen.

Zu den Aktivitäten der Umweltschutzverbände sind für die Lösung des Problems der Geisternetze unbedingt auch ein politische Wille der Verantwortlichen und die Zusammenarbeit mit den Fischern notwendig. Als ein gutes Beispiel ist hier Norwegen zu nennen, wo regelmäßige Bergeaktionen durchgeführt werden.

Und wenn die Notwendigkeit der Vermeidung und Beseitigung von Geisternetzen schließlich bei allen Verantwortlichen angekommen ist, dann war auch das so schön in Szene gesetzte Ergebnis des Tauchganges von Barbara Meier ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

 

 

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