Geschichte deutscher Auswanderungen

Geschichte deutscher Auswanderungen

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven

Asyl, Flucht, Auswanderung, Vertreibung, Emigration – diese Begriffe sind heute ständige Themen und Schlagzeilen in den Medien. Dabei geht es heute um die Bewegung von Menschenströmen vor allem nach Deutschland, aber auch in andere europäische Länder. Und natürlich wird diese derzeitige Bewegung von Flüchtlingen in den jeweiligen politischen Spektren anders interpretiert und für eigene Ziele der Parteien ausgelegt. Dieses zu kommentieren und zu werten soll und muss anderen Medien überlassen werden.
Erinnert werden soll hier jedoch insbesondere an die Auswanderungsbewegung, die sich etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine umgekehrte Richtung vollzog – von Deutschland in die „Neue Welt“.

Zeiten des Umbruch in Deutschland und Europa – Zeiten der Auswanderungen
Allein in einem Zeitraum von 1830 bis 1974waren es rund 7,2 Millionen Menschen, die von Bremerhaven aus über den Seeweg in die „Neue Welt“ aufbrachen, und das waren, neben einem geringeren Anteil von Menschen aus ost- und südosteuropäischen Ländern, überwiegend Menschen aus Deutschland, die ihre Heimat verließen, um in einem fremden Land einen Neuanfang zu wagen.

Die Gründe dieses modernen Exodus waren sowohl individueller als auch vor allem gesellschaftlicher Natur, hatten also sowohl politische als auch wirtschaftliche Ursachen
So verließen viele Deutsche ihre Heimat, wenn die Politik der Regierung sie hinderte, auf ihre Weise ihre Religion auszuüben. Bereits ab dem 17. und im 18. Jahrhundert erfolgte die Auswanderung nach England, Russland und in die USA wegen religiöser Verfolgung in den deutschen Kleinstaaten und Fürstentümern. So sollten z.B. Religionsgemeinschaften wie Mennoniten, Herrnhuter, Pietisten, Baptisten oder deutsche Quäkerngegen ihren Willen derStaatsreligion beitreten.

Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich nach Ende der Napoleonischen Kriege 1815 dramatisch: Einmal durch den Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und als nach Beendigung der Kontinentalsperre billigere britische Produkte auf dem Markt in Europa verkauft wurden. Die Armee demobilisierte massenhaft Soldaten, die in ihre Heimatorte zurückzogen, wo es, besonders in Preußen und den südwestlichen deutschen Staaten, weder genügend Ackerland noch genug Arbeit für die gesamte Bevölkerung gab. Die Preise für handwerkliche Produkte und vor allem für Kleidung, für Roggen und Kartoffeln stiegen bis zu 50% an. Eine katastrophale Missernte im Jahres 1816 traf besonders stark die bereits verarmte und hungernde Bevölkerung auf dem Lande, vor allem im Westen und Südwesten Deutschlands, führte aber auch zu Hungersnöten in den Städten.

Zudem begünstigte ein Erbrecht die Teilung des Landes in immer kleiner werdende Parzellen, so dass für viele Bauer ein Leben und ein Überleben in Deutschland nicht mehr möglich war.
Zu Beginn 1870er Jahre kam es dann durch die Einfuhr von billigeren Produkten aus den überseeischen Kolonien und aus den USA zu dramatischen Preisverfällen bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Rohmaterialien. Gutes Land und guter Boden wurde wertlos und mit der Arbeitslosigkeit stieg die Verschuldung. Parallel dazu begann die Entwicklung Deutschlands zu Industrienation, wodurch ganze Berufszweige ausstarben.Geld wurde nun statt in die Landwirtschaft in gewinnbringendere neue Techniken investiert, was letztlich die Kleinbauern endgültig zum Auswandern zwang.

Politisch motiviert waren z.B. auch deutsch Auswanderer, die dem Zwangsdienst in der Armee entkommen wollten oder diejenigen Menschen, die nach der fehlgeschlagenenbürgerlich-demokratischen Revolution von 1848 Deutschland verließen, weil sie während dieser Zeit eine führende Rolle gespielt haben und nun um ihre Zukunft in Deutschland fürchteten und um möglichen Strafen zu entgehen.

Auswanderer, die den Mangel an demokratischen Veränderungen in Deutschland beklagten, waren in der Regel Menschen aus den Städten.
Die jedoch überwiegende Zahl der Auswanderer waren auch zu dieser Zeit Kleinbauern, ungelernte Arbeiter und Handwerker aus den ländlichen Gebieten, für die die Vorgängen in den Städten weit entfernt waren und die sich mehr für Fragen ihres Dorfes, für die Ernte und den Boden interessierten.

Auch ein düsteres Kapitel deutscher Vergangenheit ist eng mit der Auswanderung verbunden: Die Emigration von tausenden deutscher Juden, die seit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 einer ständigen Bedrohung ausgesetzt waren, stellte doch der Antisemitismus eine tragende Säule der NS-Ideologie dar. Auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung verließen ab 1933 schätzungsweise bis zu 300.000 Juden Deutschland, was einem Anteil von etwa 60% der jüdischen Bevölkerung entspricht. Und für viele dieser Menschen war der Weg über Bremerhaven trotz des aufreibenden langen Wartens, der Bittstellungen bei Konsulaten und Reedereien, das Anstehen für polizeiliche und finanzamtliche Unbedenklichkeitsbescheide und die zollamtliche Abfertigung der persönlichen Habe das sprichwörtliche Tor in die Freiheit

Neben den dargestellten Ursachen und Gründen, die es auch bis heute für Auswanderer und Auswanderung gibt, gab es natürlich noch eine Reihe persönlicher Motive, die die Menschen bewogen, die Heimat zu verlassen. So waren die Furcht vor Strafverfolgung, Streit mit Angehörigen, die oftmalige Perspektivlosigkeit von entlassenen Strafgefangenen oder die einfache Abenteuerlust und der Versuch, als „Glückritter“ in der reizvollen Fremde seinen Weg zu machen, Gründe für die Auswanderung, wie auch der einer ledigen Mutter, die sich mit diesem Schritt vom sozialen Makel befreien wollte.

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven – Gedächtnis und Erinnerung
Das Deutsche Auswandererhaus wurde am 8. August 2005 an einem historischen Standorteröffnet, nämlich direkt an dem1852 in Betrieb genommenen Neuen Hafen in Bremerhaven, von dem aus alleine bis 1890 etwa 1,2 Millionen Menschen in die Neue Welt aufbrachen. Neben dem Neuen Hafen waren der Alte Hafen, die Kaiserhäfen und die Columbuskaje Abfahrtsorte für die insgesamt 7,2 Millionen Auswanderer, die von Bremerhaven aus in die Neue Welt zogen.

Ziel der ständigen Präsentationen und Sonderausstellungen des Deutschen Auswandererhauses ist es insbesondere, die Geschichte von Auswanderung, aber auch von Einwanderung zu unterstützen und diese einer breiten Öffentlichkeit im In- und Ausland zu vermitteln.
Ein innovatives Ausstellungskonzept, der ständige Auf- und Ausbau der Sammlungen sowie der Bestände der Archivbibliothek, die Verwendung moderner Medientechnik, wie der Hörstationen, die z.B. über die Einflüsse der Einwanderung auf Literatur, Film und Popkultur informieren oder der Einbeziehung von Kurzfilmen zur Thematik Emigration – all‘ das macht das Deutsche Auswandererhaus zu einer Stätte, die viel mehr als ein preisgekröntes Migrationsmuseums ist: Es ist das überaus lebendige Gedächtnis der deutschen und europäischen Auswanderungsgeschichtein einem europaweit einzigartigen Erlebnismuseum.

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