Der Hindenburgdamm

Der Hindenburgdamm

Ein vielbefahrener Veteran wird 90 Jahre alt.
Neben dem Nord-Ostsee-Kanal mit seinen Schleusen und seinen insgesamt 10 querenden Brücken ist der „Hindenburgdamm“ zweifelsohne eines der bekanntesten Bauwerke Schleswig-Holsteins: Jeder, der sich für einen Urlaub oder einen Kurzbesuch auf Sylt entscheidet, hat nur drei Möglichkeiten, die Insel auch zu erreichen – auf dem Luftweg, über den Seeweg oder über die Schiene. Letzteres wird durch den 11,3 Kilometer langen „Hindenburgdamm“ ermöglicht, der die Insel als einziger Landweg mit dem schleswig-holsteinischen Festland verbindet.

Reiseverkehr voller Hindernisse und die Entwicklung des Bäderbetriebes auf Sylt

Die Insel Sylt litt wegen ihrer exponierten Lage im schleswig-holsteinischen Wattenmeer von jeher unter schwierigen Verkehrsverhältnissen. So wurde z.B. auf der Nordseeinsel Norderney bereits am 3. Oktober 1797 die erste Seebadeanstalt auf einer Ostfriesischen Insel eröffnet, Wyk auf Föhr wurde 1819 zum ersten staatlich anerkannten Seebad an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins ernannt und im Ostseebades Heiligenbad (Heiligendamm) wurde sogar bereits 1793 die erste deutsche Badeanstalt eröffnet.

Auf Sylt stellt der Landvogt von Levetzau erst im Jahr 1855 die ersten Badekarren in Westerland auf und initiiert damit das erste Seebad auf Sylt, dessen offizielle Gründung 1859 erfolgt. Auch Kampen wird erst 1894 Seebad, aber zu dieser Zeit haben viele Badegäste die Insel längst für sich entdeckt. Mit der Gründung des Seebades Westerland wurde für Sylt ein Problem sichtbar, das für die Entwicklung und Erweiterung des „Bäderverkehrs“ existenziell war: Die Verkehrsanbindung. Man konnte damals eben nicht einmal schnell auf die Insel fahren; der Weg zu den Seebädern an der Nord- und Ostseeküste war damals schon beschwerlich, nach Kutschfahrten auf holprigen Knüppeldämmen und Fahrten mit offenen Segelbooten auf die Insel zu kommen, war jedoch noch viel strapaziöser. So war die erfolgreiche Entwicklung von Bäderwesen und Tourismus natürlich von einer entsprechenden Infrastruktur abhängig und Badeorte an der Festlandsküste waren gegenüber den Inseln hier klar im Vorteil.

1830 betrug die Reisezeit von Hamburg nach Westerland 79 (!) Stunden… Bis 1887 reduzierte sich diese Reisezeit durch verbesserte Straßenverhältnisse und auch durch verschiedene mehr oder weniger regelmäßige Dampferanbindungen (z.T. über Föhr) auf 11 Stunden.Ab 1882 gab es eine Fährverbindung zwischen Hoyer und Munkmarsch, die durch die Sylter Dampfschifffahrtsgesellschaft (Reederei Clausen) betrieben wurde. Witterungs- und tidenbedingt wurden diese Fahrten jedoch nur tagsüber durchgeführt. Trotzdem gab es oft stundenlange Wartezeiten wegen des Gezeitenwechsels.

Tondern wurde 1887 an die Westküstenbahn angeschlossen. Die Strecke von Tondern nach Hoyer erfolgte bis dahin per Pferdekutsche. Ab 1892 wurde die Bahnverbindung von Tondern über Mögeltondern nach Hoyer-Schleuse dann von der Preußischen Staatsbahn in Betrieb genommen. Auf Sylt gelangte man von Munkmarsch nach Westerland bereits seit 1888 per Schmalspurbahn in einer Fahrzeit von 12 Minuten. Die anderen Orte auf Sylt erreichte man per Kutsche.
Ab 1898 gab es durchgängige Bäderzüge von Altona nach Hoyer mit einer Fahrtzeit von Hamburg Hbf. nach Hoyer- Schleuse in 4:16 Stunden (nach einem Fahrplan von 1914). Die Fähren fuhren weiterhin tideabhängig ein- oder manchmal auch zweimal täglich, jedoch nur bei Tageslicht mit einer Zeit für die Überfahrt von ca. 90 Minuten.

Waren es im ersten Jahr der Saison 1855 gerade 100 Badegäste im Seebad Westerland, so betrug ihre Zahl 1887 schon über 5000.Auch das 1905 von der HAPAG in Dienst gestellte Dampfturbinenschiff „KAISER“ wurde im Liniendienst Hamburg–Helgoland und von dort nach Hörnum/Sylt oder Norderney eingesetzt und war für bis zu 2000 Decksgäste zugelassen, was einen weiteren Anstieg von Urlaubern auf Sylt mit sich brachte.

Eine neue Grenze und die nötige deutsche Festlandsverbindung

Die permanente Entwicklung der Gästezahlen, die im Lauf der Jahre auch mit einem regelrechten Boom bei der Entwicklung der Infrastruktur einherging, verschaffte dem Tourismus auf Sylt eine erhebliche Bedeutung. Urlaub- oder Kuraufenthalte wurden zur Mode der Ober- und Mittelschicht. Die Gäste blieben wegen des Reizklimas mehrere Wochen und erwarteten hier einen unterhaltsamen, aber auch bequemen und oft luxuriösen Aufenthalt. Hotels und Pensionen ergänzten die bisher überwiegenden Privatquartiert, Läden und gastronomische Eichrichtungen etablierten sich.

Und dann gab es den 1. Weltkrieg mit dem bekannten Ausgang.

Gemäß Versailler Vertrag kam es 1920 zu einer Abstimmung über die Zugehörigkeit der Grenzregion Nordschleswig zu Dänemark oder zu Deutschland. Und Sylt verlor durch im Ergebnis der Abstimmung seinen Fährhafen: Hoyer mit seinem Hafen wird zum dänischen Højer und ist nun Ausland. Pass- und Visazwang machten das Reisen nach Sylt über den Hafen, der jetzt Højer Sluse heißt, zu einem bürokratischen Abenteuer – Visa gab es in Flensburg. Über einen „visafreien Korridor“ zwischen der deutschen Grenze und dem Bahnhof am Hafen in Højer werden verplombte Reisewaggons eingesetzt, um den Passagieren eine doppelte Zollkontrolle zu ersparen. Der Fähr- und Frachtverkehr mit Sylt wurde ab 1923 bereits überwiegend zwischen Husum und Munkmarsch abgewickelt.

Die Bauarbeiten für einen Damm zum Festland, die bereits 1913 vom preußischen Landtag genehmigt wurden, deren Ausführung jedoch der Erste Weltkrieg zunächst verhinderte, begannen im Jahre 1923. Aber nicht alle waren davon begeistert. So sorgte sich manch Sylter über drohenden Überfremdung und nachteiliger Veränderungen der jahrhundertealten traditionellen sylterfriesischen Kultur.

Vier Jahre später, am 1. Juni 1927, wurde dann ein Bauwerk eröffnet, das zu den gewaltigsten zählt, die es in Deutschland gibt – einen Damm, der ab jetzt das Festland von Schleswig-Holstein mit der Insel Sylt verbindet. Anwesend zur Eröffnung war der damals amtierenden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Daraus folgte der Wunsch von Teilen der einheimischen Bevölkerung, den Bahndamm nach ihm als „Hindenburgdamm“ zu benennen.

Das Tor zur Insel und eine lukrative Strecke der Bahn

Das, was rund 1500 Arbeiter in vier Jahren in Tag- und Nachtschichten errichteten, was in dieser Zeit aus dem täglich mit den in 70 Zugwaggons vom Festland antransportierten Baumaterial und den 3,6 Millionen Kubikmeter bewegter Erde sowie mit über 400.000 Tonnen Steine, Kies, Busch und Pfähle entstand, war ein Damm mit einer Höhe von 10 Metern, eine Sohlenbreite von 50 Metern und einer 10 Meter breiten Dammkrone. Die Baukosten für den zunächst eingleisig befahrbaren Damm betrugen insgesamt 25 Millionen Reichsmark.

In den ersten Jahren bis 1932 wurde der „Hindenburgdamm“ nur als Zugstrecke für Personen- und Güterzüge genutzt. Seit Anfang der 1930er Jahre wurden erste Autos auch per Zug nach Sylt transportiert. Zunächst auf den konventionellen Flachwagen eines Güterzuges von Klanxbüll nach Morsum, dann wurde die Auto-Verladung in die Bahnhöfe Niebüll und Westerland verlegt. Seit den 1950er Jahren können (besser: müssen) die Passagiere auch während der Überfahrt in ihren Autos bleiben. Dazu wurden in Niebüll und Westerland spezielle Verladerampen gebaut, über die man heute einfach auf seit 1962 für den Autotransport gebräuchlichen Doppelstockwagen fährt.

Damit wurde die Insel Sylt als ein attraktives Urlaubsziel für ganz Deutschland bzw. auch für Touristen aus aller Welt noch besser erreichbar. Autozüge, Fernverkehrszüge und die Regionalbahn, aber auch Güterzüge zur Warenanlieferung vom Festland auf die Insel, passieren mehrmals täglich, oft sogar mehrmals stündlich, den Hindenburgdamm und machen die Strecke zu einer der meistbefahrenen Bahnstrecken Deutschland und gleichzeitig zu einer der lukrativsten Bahnverbindungen.

Übrigens brachte eine Information des Norddeutschen Rundfunks (NDR) die Deutsche Bahn, den mit dem Sylt-Shuttle konkurrierenden amerikanischen Investor RDC sowie den Landrat des Kreises Nordfriesland zu vorübergehendem Entsetzen und zur Sprachlosigkeit aber auch zu einem Jubel unter den Pendlern: Angesichts des Streits um die Bahnverbindungen nach Sylt und der anhaltenden Kritiken von Pendlern und Syltern, teilte der Verkehrsminister der Kieler Regierung, Reinhard Meyer (SPD), mit, dass Land und Bund den Ausbau der Bahnstrecke auf dem „Hindenburgdamm“ zu einer zweispurigen Bundesstraße mit nebenher laufendem Radweg planen. Dieses würde Dank eines beschleunigten Verfahrens ganz schnell gehen und schon Ende des Jahres sollten die zwei Fahrspuren fertig sein. Anschließend würde das Land die Bahngleise abbauen. Medienwirksam zeigte das NDR-Fernsehen ein eilig einberufenes Pressegespräch am „Hindenburgdamm“ bei dem Minister Meyer den ersten symbolischen Spatenstich für die vorbereitenden Arbeiten setzte.

Allerdings: Das Datum dieser „umwerfenden“ Information war der 1. April, der Tag der Scherze – auch bei uns im Norden. Die Geschichte zum „Hindenburgdamm“ hatte bereits seit dem Morgen des Tages für rege Diskussionen im Land gesorgt. Doch an den Plänen war nun wirklich nichts dran. Verkehrsminister Reinhard Meyer spielte – wie viele andere Menschen – bei diesem Aprilscherz mit und hatte letztlich die Lacher auf seiner Seite.

Unverzichtbare Verbindung für Pendler und für Fuchs und Dachs

Neben seiner enormen Bedeutung für den Tourismus auf der Insel Sylt ist die Verbindung über den „Hindenburgdamm“ auch für die Pendlern aus der Region unverzichtbar. Die stetige Entwicklung und Erneuerung der touristischen Infrastruktur auf Sylt hat in den vergangenen Jahren zu einer sehr günstigen wirtschaftlichen Entwicklung geführt, die schon im Zeitraum von 2005 bis 2010 einen Anstieg der Zahl der Arbeitsplätze um 13,4 Prozent auf 10 935 mit sich brachten. Damit verbunden waren bereits 2010 3.274 Menschen, die regelmäßig vom Festland auf die Insel pendelten. Heute kommen täglich bereits rund 4.000 Menschen als Pendler nach Sylt, um hier zu arbeiten.

Die Wohnungssituation auf Sylt, infolge sogenannter Entmietungen, die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen bzw. der Abriss von Wohnraum und der Neubau von lukrativen Ferienimmobilien führen dazu, dass viele Sylter aufs Festland ziehen (müssen) und von hier aus als Pendler ihren bisherigen Arbeitsplatz erreichen. Tendenz – steigend.

Aber auch ganz andere „Pendler“ haben im Laufe der Jahrzehnte die die Verbindung vom Festland zur Insel für sich entdeckt und breiten sich hier aus: Der „Hindenburgdamm ist eine „Laufsteg“ für „tierische Störer uns Zerstörer“ geworden: So haben sich hier inzwischen Füchse und Dachse angesiedelt – mit teil fatalen Folgen für die Vogelwelt. Füchse gibt es heute bereits einige Hundert auf Sylt und auch die Allesfresser Dachse sind mittlerweile überall präsent. Als Nesträuber sind sowohl Füchse als auch Dachse eine Bedrohung für Brutvögel und Niederwild. Sie sind die Ursache dafür, dass auf Sylt deutlich weniger Vögel auf ihren Eiern sitzen als auf anderen deutschen Nordseeinseln.

Die kleinsten, aber hartnäckigen Feinde der Deiche, die Bisamratten und Maulwürfe gehören zwar in die Natur, können bei einer übermäßigen Zunahme erhebliche Schäden beim Küstenschutz verursachen. Auch die Wildkaninchen haben sich auf Sylt in den vergangenen Jahren erheblich vermehrt, sie nagen Bäume an, buddeln unter Wegen und Gehwegplatten.

Nein, ein 08/15- Bauwerk ist der „Hindenburgdamm“ bestimmt nicht, sondern inzwischen vielmehr ein einzigartiges Denkmal des Schienenverkehrs, das nunmehr seit fast 90 Jahren zwischen Sylt und dem Festland seiner Bestimmung voll und ganz gerecht wird und sowohl der Insel Sylt, als auch seinen Bewohnern, den dortigen Investoren und Unternehmern, vor allem aber auch der Deutschen Bahn viel Geld und Wohlstand eingebracht hat. Möge man dies bei einer hoffentlich vorgesehenen Feier auch entsprechend würdigen.

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