Der Sandregenpfeifer ist Seevogel des Jahres 2018 und oben auf der „Roten Liste“

Der Sandregenpfeifer ist Seevogel des Jahres 2018 und oben auf der „Roten Liste“

Der „Verein Jordsand zum Schutz der Seevögel und der Natur e.V.“ wurde bereits 1907 als „Verein zur Begründung von Vogelfreistätten an den deutschen Küsten – Jordsand“ gegründet und ist damit eine der ältesten Naturschutzorganisationen in Deutschland. Seither dem Schutz von Seevögeln an unseren Küsten verschrieben, betreut der Verein über 20 Schutzgebiete vorwiegend an Nord- und Ostsee, von Helgoland über das nordfriesische und hamburgische Wattenmeer, die Unterelbe, bis zur schleswig-holsteinischen und vorpommerschen Ostseeküste rund um Rügen.

Einer guten Tradition der allgemeinen Naturschutzarbeit folgend, wonach jedes Jahr besondere Bäume, Blumen, Pflanzen oder Tiere den Titel „…des Jahres“ erhalten, ernennt der Verein Jordsand seit fünf Jahren einen seiner Schützlinge zum „Seevogel des Jahres“. Nach dem Austernfischer (2014), der Brandseeschwalbe (2015), dem Basstölpel (2016) und der Eisente (2017) wurde nun der Sandregenpfeifer zum „Seevogel des Jahres 2018“ ernannt.

 

Der Sandregenpfeifer – Einst überall an den Küsten – heute vom Aussterben bedroht

In ihrer angestammten Heimat bewohnt der Sandregenpfeifer das arktische Nordamerika, die Tundren und borealen Nadelwälder Eurasiens, Grönland, Island und den Nordosten Kanadas. Zum Überwintern steuern sie jedes Jahr den Westen und Süden Afrikas an. In Europa sind Sandregenpfeifer vor allem an relativ vegetationslosen Meeresküsten anzutreffen und es ist noch gar nicht so lange her, dass Sandregenpfeifer eben auch hier, an den Sand- und Kiesstränden der deutschen Nord- und Ostsee nahezu allgegenwärtige Vögel waren. Viele Besucher, die in vergangenen Jahren an unseren Küsten waren, werden sich an den kompakten, fast starengroßen Watvogel mit kurzem Schnabel erinnern. Rücken und Oberflügel sind hellbraun-graubraun gefärbt, die Unterseite weiß. Im Flug ist deutlich ein weißer Flügelstreif erkennbar. Der Sandregenpfeifer trägt über Stirn und Augen sowie um den Hals je einen schwarzen Ring mit weißem Zwischenfeld. Der Schnabel ist leuchtend gelb mit schwarzer Spitze, und auch die Beine sind gelb-orange.

Besonders eindrucksvoll ist sein Lauf am Spülsaum der Stränden in einer „Start-Stopp-Technik“: Nach kurzem regungslosem Verharren legt er mit schnellen Schritten eine kleine Strecke zurück, um ebenso plötzlich wieder zu stoppen. Bei diesem abrupten Stopp nimmt der  Sandregenpfeifer oft auch seine Nahrung auf, die er beim Laufen erspäht hat: Insekten und deren Larven, kleine Krebstiere, Muscheln und Schnecken, die an Land oder im ufernahen Flachwasser erbeutet werden. Gleichzeitig wird durch das schnelle Fußtreten auf einer Stelle unterirdische Beute an die Oberfläche gelockt.

 

Nicht nur Fressfeinde und Klimawandel – Hauptfeind ist der Mensch

Der Bestand an Sandregenpfeifern hat sich im Verlauf vergangener Jahre als recht stabil erwiesen. Regelmäßige Bestandsverluste, die durch Sturmfluten immer wieder entstanden, konnten über die Jahre stets wieder ausgeglichen werden und auch ihre Fressfeinde konnten den Bestand nicht ernsthaft gefährden.

Gerade bei der Abwehr von Feinden versucht der Sandregenpfeifer in erst Linie, diesen vom Nest wegzulocken. Dazu zieht er die Aufmerksamkeit auf sich, in dem er, wild flatternd und damit theatralisch eine Schwäche oder einen Flügelbruch vortäuschend, den Feind in eine andere Richtung vom Nest weglockt. Das Nest ist allerdings nur  eine flache Vertiefung im Kies oder Sand, spärlich ausgekleidet mit Muschelschalen, Kiesel- oder Schottersteinchen, Baumnadeln, Stücke von Halmen  u. ä. Von April bis Juli werden in diese Mulden, die sich kaum vom Boden unterscheiden und somit perfekt getarnt sind, in zwei Bruten jeweils drei bis vier Eier gelegt, die durchschnittlich 24 bis 28 Tage bebrütet werden. Und auch die Eier weisen mit ihrer sandfarbenen Tönung mit den dunkleren Flecken auf dem umgebenden Boden eine perfekte Tarnung auf.

Aber nicht gegen alle Feinde kann sich der kleine Sandregenpfeifer schützen: So zerstören oft z.B. Möwen das Gelege und fressen die Jungen, genau wie  die Weihen, das Wiesel, der Sperber oder die Falken und oft sind es auch Füchse oder Marder. Trotzdem war die Zahl der brütenden Sandregenpfeifer relativ stabil und ist erst in den letzten 30 Jahren auf etwa ein Drittel eingebrochen. So informiert der Verein Jordsand, dass in dem von ihm betreuten Rantrumbecken auf Sylt in den.

1950er und 1960er Jahren noch 60 bis 70 Paare brüteten – heute ist  dort keiner mehr anzutreffen. Auf der gesamten Insel Sylt zogen Anfang der 1970er Jahre über 600 Paare ihre Jungen auf, inzwischen ist die Zahl auf höchstens 25 gesunken. Der NABU gibt für ganz Deutschland nur noch etwa 1.000 Sandregenpfeiferpaare an. Im Wattenmeer zählt er inzwischen zu den Brutvogelarten mit den stärksten Verlusten.

Nun kann man sicherlich heute vieles mit Veränderungen durch den  Klimawandel begründen und entsprechende Klimamodelle gehen auch davon aus, dass bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zwei Drittel des aktuellen Verbreitungsgebietes für diese Art keine geeigneten Lebensräume mehr bieten, was u.a. für die Brutgebiete in Polen, den baltischen Staaten, dem südliche Teil Großbritanniens und Fennoskandinaviens sowie der Küste Frankreichs und der Nordsee gilt. Besonders negative Folgen für den Bestand der Art hat gegenwärtig allerdings und hauptsächlich die boomende Entwicklung des Tourismus an den Stränden von Nord- und Ostsee: Die Brutzeit der Regenpfeifer fällt in eben die Zeit, in der sich auch Urlauber  gerne an den Stränden aufhalten. Von diesen sind sicherlich viele Menschen bereit, auf die Vögel Rücksicht zu nehmen. Das ist aber oft gar nicht so einfach, da sie  selbst und ihre Gelege durch Färbung und Musterung so gut an die Umgebung angepasst sind, dass sie nur allzu leicht übersehen werden und aus Versehen dann die Eier im Gelege zertreten werden.

Sowohl Reiter an den Stränden, als auch Quad- und Motorradfahrer oder Strandsegler sind sich oftmals gar nicht bewusst, in welch einem sensiblen Terrain sie sich bewegen und welchen Schaden sie durch Unachtsamkeit und Gleichgültigkeit anrichten.

Urlauber, die knatternde Lenkdrachen an den Stränden steigen lassen, Hundehalter, die, wenn überhaupt,  ihre Tiere mit 15 m langen Leinen durch den Nationalpark Wattenmeer führen, nehmen sowohl die Zerstörung der Gelege in Kauf oder versetzen die Brutvögel in einen

Dauerstress der letztlich zu unzureichenden Fütterungsintervallen der Jungvögel und damit zum Brutverlust führt.

Aber auch durch bauliche Maßnahmen an den Küsten wird es für die Vögel immer schwieriger, einen ruhigen und geeigneten Brutplatz zu finden. Bevorzugte Brutplätze des Sandregenpfeifers sind frische und weitgehend vegetationslose Sandanspülungen, die es heute kaum noch gibt. Mit dem Bestreben, Inseln und Halligen sowie das Festland gegen Sturmfluten zu sichern, wird eine natürliche Küstendynamik mehr und mehr verhindert.

An einigen Strandabschnitten hat man durch das Aufstellen besondere Hinweisschilder, die darauf verweisen, entsprechenden Abstand vom Gelege zu halten, bereits reagiert. Sogar Teilstücke von Stränden sind vom 1. April bis zum 15. August für Besucher gesperrt worden, um den störungsempfindlichen Sandregenpfeifern ein ungestörtes Brutgeschäft zu ermöglichen. Faltblätter in den örtlichen Touristinformationen sollen insbesondere die Urlauber für den Nutzungskonflikt Mensch-Tier an den Stränden sensibilisieren. Dabei sollen keinesfalls die Touristen von den Stränden vertrieben werden, sondern es geht in erster Linie darum, das  Verständnis dafür zu wecken, dass kleinere Bereiche hier einem brütenden Vogelpaar vorbehalten werden müssen.

Es ist schon bedenklich, wenn heute in der  Europäischen Union jede sechste Vogelart vom Aussterben bedroht ist. Und auch die einst sehr verbreiteten Sandregenpfeifer stehen inzwischen auf der „Roten Liste“. Möge die Wahl zum Seevogel des Jahres 2018 nicht nur ein hilfloser Appell sein, alles Menschenmögliche für seinen Bestandsschutz an unseren Küsten zu unternehmen.

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