In Ostfriesland hält Gemütlichkeit stets ein Tässchen Tee bereit

In Ostfriesland hält Gemütlichkeit stets ein Tässchen Tee bereit

Die deutschen Biertrinker, die 2016 auf das 500jährige Jubiläum des Reinheitsgebots blickten, das seither die Bier-Qualität sichert, können laut Statistik für sich reklamieren, dass Bier (Pils) heute das beliebteste alkoholische Getränk im Ranking der beliebtesten Getränke der Deutschen ist: So wurden in Deutsch­land 2015 im­merhin  acht Mil­li­ar­den Li­ter Bier ge­trun­ken, das waren 98 Li­ter pro Kopf. Allerdings waren das aber drei Mil­li­ar­den Li­ter we­ni­ger als 1991, als es noch 141 Li­ter pro Kopf wa­ren; ein Rück­gang um rund ein Drit­tel.

Der Blick soll hier aber auf ein anderes und ebenso beliebtes Getränk der Deutschen gerichtet werden – auf den Tee. Der hält zwar mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 28 Litern nicht annähernd mit dem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 162 Litern Kaffee mit, hat jedoch in den vergangenen 10 Jahren immerhin um 3 Liter pro Kopf beim Verbrauch  „zugelegt“.

 

Spitzenreiten beim Tee-Konsum – die Ostfriesen!

Wenn man nun noch einmal einen Blick auf die oben genannten statistischen Pro-Kopf-Werte (Bier = 98 Liter, Kaffee =162 Liter) wirft und dann erfährt, dass es die Ostfriesen im Durchschnitt pro Kopf auf 300 Liter Tee im Jahr bringen, dann ist das  ungefähr zehnmal so viel ist, wie im Durschnitt  der Bundesrepublik und ein echter Spitzenwert, der sogar den Tee-Konsum der Engländer, der Japanern oder der Chinesen übertrifft.  Und um hier noch einmal die Statistik zu bemühen: Jeder Ostfriese kommt im Mittel auf einen Verbrauch von sieben Pfund Tee im Jahr, was hochgerechnet im durchschnittlichen Lebensalter eines Ostfriesen rund 300.000 Tassen Tee ergibt.

 

Tee-Genuss mit langer Tradition

Die Nähe Ostfrieslands zu den Niederlanden war der  Grund dafür, dass Tee bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts hierher kam: Die Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie, über viele Jahre der weltgrößte Teehändler, brachten den Tee aus den traditionellen Anbaugebieten in Indien, China und Japan und später aus Ceylon nach Europa und  versorgten zuerst sogar England mit Tee und „bedachten“ hiermit auch ihre Nachbarn in Ostfriesland. Es mag zutreffend sein, dass dort in dieser Zeit, in der  das Wasser aus hygienischen Gründen zum Trinken abgekocht werden musste, der Tee eine willkommene Möglichkeit der Geschmacksverbesserung war. Außerdem war nach der Reformation zu Zeiten des Calvinismus, der den Alkoholgenuss als Teufelswerk verdammte,  in den Niederlanden das Teetrinken  „up to date“, wollte doch letztlich als „Genießer“  hochprozentigen Getränke niemand in der Hölle schmoren – ein Trend, der auch hinüber nach Ostfriesland reichte. Auf keinen Fall ist es jedoch zutreffend, dass der Tee als Strandgut nachhierher kam und von den Ostfriesen zunächst wie Kohl zubereitet und gegessen wurde, was eindeutig in die Rubrik der ganz schlechten Ostfriesen-Witze gehört.

 

Teetrinken als Zeremonie mit einigen festen Regeln

So, wie sich seither der Tee-Genuss zur Kultur und dem Leben in dieser Gegend entwickelt hat, ist auch der typische Ostfriesentee ein spezielles Produkt  der Region im äußersten Nordwesten Deutschlands.

Im Laufe der Jahre hat sich der Ostfriesentee als eine spezielle, sehr kräftige Teemischung entwickelt, kreiert aus einer Mischung  von bis zu 20 verschiedenen Schwarzteesorten, vor allem aus Assam Tee, Ceylon Tee und  aber auch aus verschiedene Darjeelingsorten.

Und wer schon einmal die ostfriesische Gastfreundschaft genossen hat, der wird erkannt haben, dass Ostfriesen und Tee einfach zusammengehören:

So ist es in Ostfriesland eine gute Tradition, einem Gast schon bei seiner Ankunft eine Tasse Tee anzubieten. Der Ostfriese selbst beginnt den  Tag entspannt mit “een Koppke Tee”,  und um genau zu sein  – es sind jeweils 3 Tassen Tee, denn „drei sind Ostfriesenrecht“ und dabei steht diese Anzahl nicht zur Debatte, es wird lieber die Füllmenge der Tassen reduziert, als nur eine oder zwei davon zu trinken. Die Hauptteezeit in Ostfriesland ist der 15- Uhr- Tee, wobei jedoch auch auf den Ostfriesentee um 11 Uhr und den Feierabendtee, der oft erst gegen 21 Uhr getrunken wird, sehr viel Wert gelegt wird. Manch einer schafft es aber tatsächlich, täglich sogar sechsmal am Tag Tee zu trinken.

 

Das Ritual der Tee-Zubereitung

Sicher gibt es in vielen Familien Varianten der Tee-Zubereitung, aber generell folgt diese einem weitestgehend festgelegten Ritual: In eine Teekanne, die zum Vorwärmen mit kochendem Wasser ausgespült wird, gibt man ohne Sieb den Ostfriesentee nach der Menge der  zu trinkenden Tassen – pro Tasse einen Teelöffel und dazu einen weiten Teelöffel für die Tasse, also für eine Kanne, die sechs Tassen Tee fasst, nimmt man sieben Teelöffel Ostfriesentee. Dann wird der lose Tee in der Kanne mit  kochendem Wasser, das nur kurz „brusen“ darf, aufgegossen

und der Ostfriesentee sollte nun mit geschlossenem Deckel  vier bis fünf  Minuten ziehen. Der Tee kann nun durch ein Sieb in eine zweite vorgewärmte Porzellanteekanne zum Servieren gegossen werden oder direkt durch ein Sieb in die Tassen gefüllt werden und der Tee kann getrunken werden. Das geschieht nach einem weitläufig festen Ritual, das man auch als Gast unbedingt beachten sollte: Zuerst wird ein großes Stück Kandiszucker (ein Kluntje) in die in Teetasse aus Porzellan gegeben, über das dann der Tee gegossen, wobei  das Kluntje durch den heißen Tee leise knistert. Dann wird mit einem Sahnelöffel, der einen rechtwinkligen Stiel besitzt, Sahne auf den Tee gesetzt  – Achtung: nicht gießen!  – so dass eine Sahnewolke (ostfriesisch: “Wulkje”) im Tee entsteht. Noch einmal Achtung: Den Tee  nicht umrühren!

Der Tee wird in drei „Schichten“ getrunken, wobei schlürfen erlaubt ist: Zuerst kommt die Sahne, dann Geschmack des  kräftigen, leicht bittere Tees auf der Zunge und schließlich die Süße des Kluntje. In einer Variante der Tee-Zeremonie darf mit dem Löffel bei der zweiten und dritten Tasse der Tee umgerührt werden.

Gleichermaßen gilt aber überall, dass ein in die Tasse gestellter Löffel  dem Gastgeber signalisiert, dass erst einmal nicht mehr nachgeschenkt werden soll – bis zur nächsten Tasse! Es wäre nämlich überaus unhöflich, die Reihenfolge von drei Tassen Tee nicht einzuhalten.

 

Und zum Schluss noch ein Achtung für eine gelungene Teilnahme an einer ostfriesischen Teerunde: In Gegenwart eines Ostfriesen sollte man niemals von einem „gekochten Tee“ reden – Tee wird nicht gekocht, Tee wird aufgebrüht!

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