Auf Kufen durch das Watt – Schlittenrennen im ostfriesischen Greetsiel

Auf Kufen durch das Watt – Schlittenrennen im ostfriesischen Greetsiel

Bei dieser Überschrift mag sich mancher überrascht die Augen reiben – Schlittenrennen an der Nordsee in Greetsiel, dem Sielort an der Leybucht im westlichen Ostfriesland? Und dann ein Schlittenrennen durch das bzw. im Watt, der großen Fläche aus nassem Sand, Matsch und Schlamm, die immer bei Ebbe entsteht, wenn sich das Meerwasser zurückzieht?

Aber die Einheimischen und die vielen hunderte Schaulustigen, die jedes Jahr hierher zu einer traditionellen Veranstaltung aus nah und fern anreisen, wissen natürlich, was gemeint ist und worum es geht: Es handelt sich um das traditionelle Schlickschlittenrennen in der Ferienregion Krummhörn-Greetsiel.

 

Schlickschlitten – ein historisches Transportgerät der Fischer im Watt

Das was heute mit vollem Körpereinsatz als „Watt-Wettkämpfe“ und  damit als einer der Veranstaltungshöhepunkte in der Ferienregion Krummhörn-Greetsiel am Trockenstrand von Upleward durchgeführt wird, hat einen geschichtsträchtigen Hintergrund: Das Schlickschlittenrennen soll an eine alte ostfriesische Tradition und an die Fischer erinnern, die im Wettlauf zwischen Ebbe und Flut mit ihren Schlickschlitten hinaus ins Watt „glitten“, um weit draußen zu ihren Stellnetzen zu gelangen und um ihre mit frischgefangenem Fisch gefüllten Reusen zu leeren.

Der komplett aus Holz gefertigte Schlitten, der auch als Kreier bezeichnet wird, besteht aus einem Unterbau, der über eine Gleitfläche verfügt und einem Aufbau, auf dem man sich kniend oder stehend festhalten kann. Normalerweise kniet man mit einem Bein auf dem Schlitten und stößt sich mit dem anderen Bein ab – wobei der Schlitten dann über den feuchten Wattboden „gleitet“.

Und das schnelle Erreichen der Fanggeräte war nicht nur ein Wettrennen gegen die aufkommende Flut und gegen die gefräßigen Möwen, die den Fischern den Fang in den Netzen in den trocken fallenden Prielen streitig machten, sondern wurde auch oft als ein Wettkampf zwischen den Fischern untereinander ausgetragen. Dabei war es ein absoluter Kraftakt, den Holzschlitten über den Schlick zu schieben. Und daran hat sich auch heute nichts geändert – einen Vorteil hat,  wer eine erfolgversprechende Technik des Schlickschlitten-Schiebens beherrscht und natürlich keine Angst davor hat, sich hier von oben bis unten dreckig zu machen.

 

Schlammige Spielet – Die „Wältmeisterschaft“ & Ostfriesischen Wattspiele

Und insbesondere vor Schlick und Schmutz scheinen sich die Teilnehmer an den Veranstaltungen, die auch 2018 als 35. Schlickschlittenrennen  im Rahmen der „Wältmeisterschaft & Ostfriesische Wattspiele“ durchgeführt werden, nicht zu fürchten. Denn es geht ausgesprochen matschig zu.

Seit mehr als dreißig Jahren werden hier Wettkämpfe in den unterschiedlichsten Disziplinen ausgetragen: Vom Watt-Fußball über den Aal-Sprint und dem Watt’n Achter bis zum Wattziehen reicht die schmutzige Palette. Hunderte Wettkämpfer und Wettkämpferinnen besudeln sich in ihren Teams im feuchten Schlick und Schlamm und sind nachher oft nicht wederzuerkennen.

Und das sehr zur Freude von sicher wieder einigen Tausend Besuchern, die, wie auch schon während der 34. Schlickschlittenrennen-„Wältmeisterschaft“ im vergangenen Jahr, von den Deichrängen die Aktiven kräftig anfeuern, die sich im Schlamm wälzen, sich mit Matsch bespritzen und um jeden Ball und jeden Meter kämpfen und – bei jeden Schritt oft knietief im Matsch einsinkend.

Letztlich gewinnen das schnellste Team und das Team mit den meisten Toren beim Fußball. Und neben der Ehrung der sportlichen Höchstleistungen gewinnt die am besten kostümierte Mannschaft im Watt, was der Veranstaltung den Beinahmen „Karneval im Watt“ eingebracht hat.

Und natürlich werden die die „Watt Lurche“ besonders vorgestellt, die sich als langsamste Teams „profiliert“ haben.

 35. Schlickschlittenrennen Wältmeisterschaft & Ostfriesische Wattspiele am 18. August 2018

Unter dem bekannten Motto „Ein schmutziger Sport für eine saubere Sache“ laufen für die 35. Veranstaltung dieses Events zurzeit die Anmeldungen für 2018. Und die kommen nicht nur von Mannschaften aus der näheren Umgebung und ganz Deutschland, sondern auch, wie bereits in den vergangenen Jahren, von Teams aus den Niederlanden, Dänemark und Frankreich.

Das große Interesse an einer Teilnahme an den sportlichen Wettkämpfen spiegelt sich auch darin wieder, dass z.B. beim Wattfußball (max. 8 Teams mit je 8 „Watthleten“) die Beteiligungsmöglichkeit bereits ausgebucht ist.

Weitere Wettkämpfe sind ausgeschrieben für den Aalsprint (max. 10 Teams mit je 3 „Watthleten“ und einem Ersatzmann). Als Aal-Staffel-Stab dient den Teams ein mit Reis gefüllter Fahrradschlauch. Jeder Läufer muss eine Distanz von 100 m mit dem „Staffelaal“ zurücklegen. Der erste Läufer startet, wendet an der 50 m Marke, läuft zum Start zurück und übergibt den Aal an den zweiten Läufer der Gruppe usw. Der Aal darf nicht verloren gehen! Die drei „gelaufenen“ Zeiten werden zu einer Gesamtzeit addiert. Die schnellste Gesamtzeit gewinnt.

Beim Wettkampf  Watt`n Achter, der mit max. 6 Teams zu je 8 „Watthleten“ ausgetragen wird, müssen alle 8 Teilnehmer von der Startlinie 50 Meter weit zu ihrem Schlitten rennen. Wenn alle „Watthleten“ aufgestiegen sind muss gemeinsam einmalig eine Strecke von 50 Meter gefahren werden. Dabei müssen alle 8 „Watthleten“ auf dem Schlitten das Ziel erreichen. Die beiden schnellsten Teams fahren in einem finalen Lauf noch einmal gegeneinander, um den Gesamtsieger zu ermitteln! Die speziellen Schlitten für diesen Wettkampf werden gestellt!

Der Wettkampf um die Schlickschlittenrennen-Wältmeisterschaft wird mit max. 15 Teams mit je 4 „Watthleten“ ausgetragen und gliedert sich die Disziplinen Sprint, wobei jede Mannschaft einen Läufer stellt, der mit dem Schlitten eine Stecke von 50 Meter auf Zeit laufen muss.

Anschließend geht es in den Reusenlauf, zum dem aus jeder Mannschaft 3 Läufer an den Start gehen, die insgesamt 150 Meter zurückzulegen haben: Der erste Läufer startet mit dem Schlitten und fährt bis zur 50 Meter-Marke, wo der Schlitten abgestellt wird. Der zweite Läufer rennt eine weitere Strecke von 25 Meter ohne Schlitten. An der 75- Meter-Wendemarke befindet sich eine Reuse mit Inhalt, der entnommen werden und schnellstens zum Schlitten gebracht werden muss. Der dritte Läufer bringt mit dem Schlitten den Reuseninhalt vom zum Start.  Wenn auf dem Wege der Reuseninhalte verloren gehen, so wird dieses mit Zeitaufschlag geahndet.

Die dritte Disziplin wird als Schlickschlitten-Staffellauf bezeichnet, bei dem jede Mannschaft drei Läufer stellt. Die Gesamtlänge  beträgt dabei 150 Meter. Der erste „Watthlet“ startet, wendet an der 25 Meter-Marke, fährt zum Start zurück und übergibt den Schlitten an den zweiten Fahrer der Gruppe usw.

Gewertet werden die Ergebnisse aus allen drei Disziplinen. Dabei werden die Zeiten addiert. Die Mannschaft mit der schnellsten Gesamtzeit wird Schlickschlittenrennen – „Wältmeister“

Im Wettkampf um den Schnellsten Schlickschlittenfahrer (max. 10 Teilnehmer)  startet jeder Läufer als Einzelteilnehmer und muss eine Distanz von 50m mit einem Schlickschlitten zurücklegen. Mit der schnellsten Zeit wird dabei das Rennen gewonnen.

Und schließlich geht es in einem weiteren Wettkampf um das Wattziehen, an dem 8 Teams mit je 3 „Watthtelen“ teilnehmen. In dieser Disziplin stehen sich jeweils zwei Teams gegenüber am Ende eines 15 Meter langen Seils gegenüber und beginnen auf Kommando zu ziehen. Die Mannschaft, die die Markierung über ihre Linie zieht gewinnt. Der Wettkampf findet nach dem KO-Prinzip statt.

 

Die hier angegebenen Distanzen in den Wettbewerben mögen zunächst recht gering erscheinen, aber dazu sollte man bedenken, dass es sich hier nicht um Wettkämpfe auf Rasen- oder Aschebahnen oder gar auf Kunststoffpisten handelt – hier ist das Watt! Dass die Akteure bei ihren Wettkämpfen tief im Nordsee-Schlamm einsinken, ist erwünscht und ein erschwerender Teil des Events. Und ob Teamkamerad oder Gegner – alle Teilnehmer sehen bereits nach Sekunden durch Schmutz und Schlamm gleich aus. Hier kann man sich noch einmal an das Motto „Ein schmutziger Sport für eine saubere Sache“ erinnern, denn die Schlickschlittenrennen „Wältmeisterschaft“ ist eine große Benefiz-Veranstaltung und dient einem guten Zweck: Die Zuschauerspenden gehen an die „Niedersächsischen Krebsgesellschaft e.V.“ und an den „Elternverein für krebskranke Kinder Ostfriesland e.V.”

Also dann – das Startkommando gilt: „Ab ins Watt“

Bild mit freundlicher Unterstüzung von https://iowaostfriesen.wordpress.com

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